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13.09.2015

Kierkegaard meint, der Glaube sei keine Lehre, sondern eine Existenzmitteilung. Erläuterung dieser Aussage.


Um zu verstehen, was Kierkegaard mit dieser Aussage uns vermitteln will, müssen wir zuerst die zwei Schlüsselbegriffe darin beleuchten, nämlich „Glaube“ und „Existenz“. Die Existenzphilosophie des Kierkegaard ist im Grunde genommen eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben. Die „Existenz“ eines Menschen meint etwa die „Wahrheit“ seines Lebens, also etwa die Antwort auf die Frage, was und wozu ist sein Leben (überhaupt da). Kierkegaard stellt zuerst fest, dass keiner in der Lage ist, diese Antwort zu geben. Dafür aber ist offensichtlich, dass die menschliche Existenz durch Widersprüchlichkeit und Zerbrechen an Konflikten zwischen Freiheit und Notwendigkeit, Leib und Geist usw. gekennzeichnet ist. Aus dieser menschlichen Situation ergibt sich „Angst“, die nach Kierkegaard nur im Glauben zu überwinden ist und somit sind wir beim zweiten Begriff. Es geht nicht darum, das Wort „Glaube“ zu erklären, sondern eher um die Frage, an was oder wen soll man glauben? Die christliche Religion meint an „Gott“, also an eine dem Menschen unbegreifliche Übermacht und hier liegt das nächste Problem von Kierkegaard, nämlich die Unbegreiflichkeit Gottes. Um den Kerngedanken von Kierkegaard problematisch darzustellen, können wir sagen: Der Mensch muss einerseits eine von Grund auf vollwidersprüchliche Existenz führen, die er nicht versteht und daher ihm Angst macht, aber anderseits versucht er auf paradoxe Weise, dieses Problem durch den Glauben an einen ihm unbegreiflichen Gott zu lösen. Wie geht nun Kierkegaard vor, um diese Problematik zu beleuchten? Er geht eigentlich keinen direkten Weg, sondern viele Umwege, um auf das Verhältnis Existenz/Glaube aus verschiedenen Perspektiven „aufmerksam zu machen“. Der Begriff der „Leidenschaft“ spielt eine Zentralrolle in seiner Philosophie, denn erst damit kommt ein Lebenseinsatz zum Tragen und wird somit zwischen dem konkreten Existieren bzw. der Wirklichkeit und dem bloßen Denken unterschieden. Für ihn ist die Leidenschaft vielmehr ein Grundvollzug des Geistes selbst, insofern er an sich Interesse hat, nicht aber ein Affekt, der ihm gegenübersteht. Und nur die Leidenschaft führt zu Entscheidungen und einzig durch diese kann sich wiederum eine selbständige Subjektivität entwickeln. Die „Innerlichkeit“der Leidenschaft führt in den Existenzkern, nicht aber die Äußerlichkeiten des Lebens oder des Denkens. All das charakterisiert zugleich den christlichen Glauben:

Das Christentum ist Geist, Geit ist Innerlichkeit, Innerlichkeit ist Subjektivität, Subjektivität ist wesentlich Leidenschaft, und im Maximum unendliche, persönlich interessierte Leidenschaft für ihre ewige Seligkeit. Sobald man die Subjektivität fortnimmt, und von der Subjektivität die Leidenschaft, und von der Leidenschaft das unendliche Interesse, so gibt es gar keine Entscheidung.“  (1)

Kierkegaard hält den Glauben für widersinnig, aber gerade an diesem Paradox reibt sich der Verstand und weckt seine Leidenschaft, aus der das Denken sich auf die ihm Unbekannte „Gott“ einlässt, es sucht, auch wenn es dabei untergeht. Es geht Kierkegaard hier um eine Leidenschaft des Denkens, die sich von einem bloßabstrakten Wissen unterscheidet. Die Existenzwirklichkeit ist zwar vernünftig nicht zu begreifen, und die Wirklichkeit Gottes noch weniger, aber aus Leidenschaft will das Denken bis zu dieser Grenze gehen.

Doch soll man vom Paradox nichts Übles denken; denn das Paradox ist des Gedankens Leidenschaft [...] Aber die höchste Potenz jeder Leidenschaft ist es stets, ihren eigenen Untergang zu wollen, und so ist es auch des Verstandes höchste Leidenschaft, den Anstoß zu wollen, ganz gleich daß er Anstoß auf die eine oder andere Weise sein Untergang werden muß. Das ist denn des Denkens höchstes Paradox: etwas entdecken wollen, das es selbst nicht selbst denken kann. [...] Aber was ist denn dies Unbekannte, an dem der Verstand in seiner paradoxen Leidenschaft sich stößt, und das dem Menschen sogar seine Selbsterkenntnis stört? Es ist das Unbekannte. Aber es ist ja nicht irgendein Mensch, soweit er diesen kennt, oder irgendein anderes Ding, das er kennt. So laßt uns denn dies Unbekannte den Gott nennen.“ (2)   

Der Glaube nach Kierkegaard ist eine Existenzweise und keine Lehre im Sinnen von einem System von Inhalten und Vorstellungen, die man systematisch erlernen kann. Der Verstand verzichtet darauf, die Wahrheit der Existenz zu finden und nimmt dafür den Glauben an Gott, auch wenn dessen Unbegreiflichkeit zu einem Paradox der Innerlichkeit selbst führt. Kierkegaard zieht eine Parallele zwischen dieser Zuspitzung des Religionswidersinns und der christlichen Vorstellung von der Menschwerdung Gottes.   
 

Literatur

(1): Kierkegaard, "Abschließendeunwissenschaftliche Nachschrift ..."I, S. 28f.
(2): Kierkegaard, "Philosophische Brocken" S.35, S.37

Eine Beurteilung der Versuche, die Existenz Gottes zu "beweisen".


Mit Gottesbeweis drückt die Religionsphilosophie den Versuch aus, die Existenz Gottes (hier v.a. eines Schöpfergottes nach abrahamitischem Glauben) rational zu beweisen. Es geht hier um mittelalterliche und frühneuzeitliche Gottesbeweise, die sich methodisch in zwei Arten aufteilen lassen, nämlich apriorische und aposteriorische. Ohne Bezug auf die Erfahrung (a priori) und allein aus der Begriffsanalyse versucht z. B. Anselm von Canterbury in seinem sog. "ontologischen Gottesbeweis", die Existenz Gottes zu verdeutlichen. Im Gegenteil dazu geht Thomas von Aquin von der Erfahrungswelt (a posteriori) aus und bemüht sich anhand seiner berühmten fünf Wege, dass der Schöpfergott existiert.

Später fasst Kant diese Gottesbeweise zusammen, indem er sie in drei Formen aufteilt: ontologische, kosmologische und naturtheologische. Der ontologische Gottesbeweis leitet einzig aus dem Gottesbegriff als dem vollkommensten Wesenseine Existenz ab, denn das Sein ist zwangsläufig Bestandteil der Vollkommenheit und daher die Notwendigkeit der Gottesexistenz.

Die kosmologische Beweisform bezieht sich auf das Faktum, dass es irgendeinen kontingenten (zufälligen, nicht-notwendigen) endlichen Gegenstand (oder das Universum) gibt, um daraus abzuleiten, dass Gott existiert. Anders gesagt, aus der Frage: "Warum gibt es überhaupt Etwas und nicht einfach Nichts?" wird auf die Gottesexistenz gefolgert.
Der Naturtheologische Beweis nach Kant nimmt seinen Ansatz bei den Sinneserfahrungen, beachtet die kausalen Naturgesetzmäßigkeiten und versucht Gott als Anfangsgrund diese Kausalkette zu demonstrieren.

Philosophiegeschichtlich gesehen, war Kant der erste, der die Möglichkeiten einer philosophischen Theologie und damit alle „rein rationale“ Gottesbeweise gründlich kritisiert hat, indem er in seinem Werk „Kritik der reinen Vernunft“, die Grenzen einer Vernunfterkenntnis gezogen hat. Er beschränkt das Wissen auf die empirische Welt ein und hält den Versuch einzig durch Begriffsanalyse zu argumentieren für spekulativ und daher zu keiner sicheren Erkenntnis führend. Hervorzuheben ist sein logischer Einwand gegen die ontologische Beweisform. Kant bezeichnet ein Argument (für einen Gegenstand) als „tautologisch“, wenn dieses Argument in der Definition dieses Gegenstands (explizit oder implizit) enthalten ist. Anders gesagt, wenn ein Beweismittel in einer Voraussetzung „steckt“ und trotzdem weiterbenutzt, um diese Voraussetzung zu bestätigen, dann geht es hier um einen logischen Zirkel (bzw. Zirkelschluss), der letztendlich nichts beweist. Man kann nicht davon ausgehen, dass Gott dem vollkommensten Wesen entspricht (als Definition Gottes) und doch daraus auf die Existenz Gottes schließt, indem man sagt, das Sein gehört notwendigerweise zur Vollkommenheit, wie es z. B. Anselm v. Canterbury macht.

Mit diesen Gottesbeweisen versuchte v.a. die Scholastik „eine Brücke“ zwischen Glauben und Vernunft zu „bauen“ und somit dem Glauben einen rationalen Grund zu finden. Es war Kant, der deutlich zwischen Glauben und Wissen systematisch und argumentativ trennte: “Ich kann also Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf des notwendigen praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal annehmen, wenn ich nicht der spekulativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung überschwenglicher Einsichten benehme […] Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu machen. “ (1) 

Wir können nochmals die Gottesbeweise, die sich auf die empirische Welt beziehen (v.a. Versuche des Thomas von Aquin) in drei Formenzusammenfassen:

Der kausale Ansatz:
Das Universum muss zeitlich irgendwann mal angefangen haben. Die Zeit selbst muss bei einem Punkt ausgelöst sein, was einem Erstauslöser benötigt, der selbst keinen Anfang braucht und daher unendlich und zeitübergreifend ist. Und den nennen wir Gott.

Ansatz der ersten Bewegung:
Wir erleben die Natur (uns eingeschlossen) als ständig in Veränderung. Jede Änderung wird durch eine Ursache ausgelöst, so dass die Welt als eine Aktion-Reaktionskette erscheint, d. h. eine Ursache führt zu einer Wirkung, die wiederum als Ursache einer nächsten Wirkung wird und so fort. Da wir kein "regressus ad infinitum" denken können, muss irgendwo und irgendwann die allererste Veränderung stattgefunden haben, die diese Kette veranlasst, aber selbst keine Ursache nötig hat, also unendlich und in sich am vollkommensten ist. Und diesen Erstverursacher nennen wir Gott.

Ansatz der Kontingenz:
Alle Seienden existieren zufälligerweise, kein Seiendes existiert zwingend notwendig, aber das ganze Universum kann doch nicht aus der Kontingenz entstanden sein, also es muss eine unendliche Kraft geben, die allem seine Existenz ermöglicht hat und dieses notwendig Seiende nennen wir Gott.  
Bei allen diesen (sog. kosmologischen) Ansätzen stellt sich die Frage:
Warum sollte ein unendlicher Gott realistischer sein als ein unendliches Universum? Warum ist eine übernatürliche Ursache notwendig, wo z. B. die Physiker heute dabei sind, den Urknall besser zu verstehen?
D.h. die Wissenschaft könnte in Zukunft diese kosmologischen Beweise widerlegen.

Teleologischer Ansatz:
Hier geht man davon aus, dass alles in der Natur entwickelt sich nach einem Plan bzw. Ziel. Der Mensch selbst verbessert sich ständig nach einem perfektionierten Plan. Dieser ist so gut und perfekt, dass man dahinter einen unendlichen Planer annehmen muss und diesen nennen wir Gott.
Einzuwenden dagegen ist unsere wissenschaftliche Erkenntnisse v.a. aus der Evolutionsbiologie, dass die Natur eher dem Zufall und der natürlichen Selektion unterliegt als einem vorgeplanten Schema einer angeblich allwissenden übernatürlichen Kraft. Darüber hinaus unsere Welt ist weit davon und in keiner Hinsicht perfekt zu sein. Biologisch-technisch gesehen ist der Mensch z. B. eher ein „Wrack“ als ein perfektioniertes biologisches Apparat, das optimal und fehlerfrei gebaut wäre.    
 

Literatur

(1): Kant, "Kritik der reinen Vernunft" B, XXIXF., Werke II, S. 33

Was versteht man unter Deismus?


Das Gottesverständnis der auf Offenbarung basierten Religionen gerät mit der neuzeitlichen Aufklärung in kritische Auseinandersetzungen. Die Neuzeit betont in steigenden Maßen die Geltung und "Bevormundung" der Vernunft in allen Bereichen des Lebens auch in Sachen der Moral und Religion. In seiner Antwortschrift über die berühmte Frage "Was ist Aufklärung?" fordert Kant den Menschen auf, seinen eigenen Verstand einzusetzen und sich nicht von anderen bevormunden zu lassen. Der nächste Schnitt seiner Beantwortung zeigt (in Angesicht der gegenwärtigen fanatischen Ereignisse, der Medienmanipulation, der Politikverdrossenheit, des Konsumwahns, der Umweltproblematik, usw.) wie aktuell diese Aufforderung immer noch ist: "AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapereaude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. [...] Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. [...] Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit." (1)    

Dieser Aufklärungsprozess beginnt in der (oder eher gründet die) Neuzeit und hat v.a. als Thema die Herrschaft der Kirche in der Gesellschaft und die Säkularisierung dieser. Es gibt Denker, die das Gottesverständnis offenbarungsbezogener Religion nicht für vernunftgerecht halten, indem sie viele religiöse Bestandteile wie etwa die Wunder für vernunftwidrig ansehen. Ein göttliches Prinzip hinter der Schöpfung muss nach manchen Philosophen nicht unbedingt als Offenbarung verstanden werden, sondern man kann den Glauben an Gott aus Vernunftgründen herleiten. Daher wird hier von Vernunftreligionen gesprochen. Von diesem Vernunftglauben gibt es verschiedene philosophische Vorstellungen, darunter der Deismus. Ein Deist glaubt, dass Gott zwar das Universum ursprünglich geschaffen hat, aber dann nicht mehr darin eingreift oder das Geschehen in unserer Welt beeinflusst. Im Gegenteil dazu hält der Theismus Gott jederzeit für das mögliche Kausalprinzip aller Geschehnisse in der Welt. Hierzu Diderot: "Der Deist ... glaubt an Gott leugnet aber jede Offenbarung; der Theist hingegen nimmt bereitwillig die Offenbarung an und gibt die Existenz Gottes zu." (2)

Der Deismus geht von einer Volltrennung zwischen Gott und Welt aus, d. h. die Welt "läuft" völlig unabhängig von Gottes Eingreifen weiter ab, hingegen postuliert der Pantheismus die Einheit von Gott und Welt, d. h. alles was ist oder geschieht ist letztendlich "göttlich" oder Ausdruck "göttlichen" Willens, also Gott und Sein sind eins. Ein Deist ist somit ein Religionsphilosoph, der das Göttliche vernünftig zu begründen versucht, ohne dafür eine Offenbarung oder Glaubensaussagen einer bestimmten Religion anzunehmen. Der Deismus postuliert, dass Gott als abstraktes Wesen eine Ursache der Weltschöpfung darstellt, jedoch akzeptiert er die Idee nicht, dass Gott das konkrete Handeln in der Welt in irgendeine Weise lenkt. Ein Deist versucht eigentlich seine Vernunftreligion mit dem modernen wissenschaftlichen Weltbild zu vereinbaren, indem er Gott als transzendierte Ursache der Welt annimmt, die aber im Nachhinein - seiner Ansicht nach - selbständig und einzig nach eigenen Gesetzmäßigkeiten (im Vorbild eines Uhrwerks) funktioniert. Weiterhin erkennt ein Deist der Religion vorwiegend eine legitimierende Funktion von sittlichen und gesellschaftlichen Ordnungen an.

"Die Tendenz der Deisten pflegt dahin zu gehen, den Vorgang der natürlichen Religion zu behaupten und für die natürliche Vernunft die Fähigkeit zur Erfüllung der sittlichen Gebote des Urhebers der Natur und damit zur Erlangung des göttlichen Wohlgefallens in Anspruch zu nehmen. Die Offenbarung gilt ihnen teils als hilfreich und teils als schlicht entbehrlich. Ihre Beglaubigung durch Wunderberichte verdient kein Vertrauen: entweder lassen sich scheinbar natürliche Vorkommnisse natürlich erklären, oder die Berichterstatter täuschen uns - sofern sie sich selber nicht täuschen." (3)             

Literatur

(1): Immanuel Kant, "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?"
in: "Berlinische Monatsschrift", Dezember-Heft 1784, S. 481-494.
(2): zit. n.: Artikel "Diderot", in: Weger (1979), S. 68
(3): R. Specht, in: GPTD V, S. 342

01.05.2015

Die Ästhetisierung des Lebens heute



Die Benutzung des Worts "ästhetisch" ist heute in allen Bereichen des Lebens verbreitet. Man versteht darunter etwa "schön" oder "schön gestylt" und wird fast überall in den Mund genommen, das geht vom Friseur, über Wohnzimmer, Hotels, Kaufhäuser, TV Shows bis zu den modernen Autos. Es bleibt nicht beim Friseur, wenn es um den menschlichen Körper handelt, sondern geht weiter mit der modischen Kleidung, Bodybuilding bis hin zur Schönheitschirurgie. Die Ästhetisierung im Sinne vom "Schönmachen", "Verhübschung" von Gegenständen, Räumlichkeiten, menschlichen Körpern und sogar vom tierischen Aussehen (etwa Hunden oder Katzen) ist eine "Eigentümlichkeit" unserer Zeit geworden. Diese Entwicklung ist historisch wohl nachvollziehbar in Angesicht der Entwicklung der wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten des Menschen, der anfangs in erster Stelle gegen die natürlichen Zwängen und Bedürfnissen seines (Über)Lebens kämpfen muss, aber nach und nach setzt er seine Wissenschaft und Technik dafür, sein Leben nicht nur "abzusichern", sondern auch u.a. etwas "ästhetisch" zu gestalten, um seinen Sinn für "Schönheit" zu erfüllen. Das Mängelwesen "Mensch" benötigt nicht nur die Technik, um sein biologisches Mängelwesen zu kompensieren, er besitzt weiterhin andere geistige Dimensionen, die ihn stets veranlassen, sich selbst und seine Umwelt im weitesten Sinne zu verändern. Es gibt viele Begriffe, die diese komplexen Dimensionen bei der menschlichen Gattung darstellen versuchen, etwa "Wissendrang", "Neugier" oder mehr philosophisch etwa die berühmte Aufforderung Sokrates "Erkenne dich", die uns implizit "vorwirft", dass wir uns gar nicht kennen; die Kantische "gesellige Ungeselligkeit" des Menschen, die uns als "sozial" und "egoistisch" zugleich "stempelt"; die Art "dunkler Trieb", der nach Schoppenhauer das menschliche Handeln antreibt; die "Wille zur Macht" soll nach Nietzsche den Menschen in seinem Tun und Lassen bewegen; das "Unbewusste", das nach Freud von uns zwar unkontrolliert bleibt, aber trotzdem uns vorwiegend lenkt; oder nicht zuletzt die „exzentrische Positionalität“, mit der Plessner den widersprüchlichen menschlichen Doppelcharakter beschreiben versucht, wie der Mensch seiner Biologie gefangen bleibt, aber gleichzeitig und dank seiner Reflexionsfähigkeit seine Umwelt durch Denken transzendieren bestrebt. Was hat das alles mit "Ästhetisierung" zu tun?
Die Vielfalt der Humanwissenschaften (Hermeneutik, Kunst, Literatur, Musik, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Anthropologie, usw.) und manche Naturwissenschaften wie Biologie, Medizin v.a. Neurologie oder Gehirnforschung versuchen die menschliche Mehrdimensionalität und deren widersprüchlichen Aspekte zu beleuchten, was auch zum Ausdruck bringt, dass dieses Lebewesen "Mensch" sich, sein Handeln oder seine Beziehung zur Umwelt bei weitem noch nicht verstanden hat. Mit der Ästhetisierung verfolgt der Mensch seine ewige "Mimesis" im Sinne der Nachahmung der Natur in einem doppelten Sinne, zum einen lernt er von den natürlichen Prozessen etwa dem Schwimmen eines Fisches oder Fliegen eines Vogels, aber auch imitiert die "Schönheit" der Naturgegebenheiten. Er begnügt sich nicht mehr damit, die Naturschönheiten zu bewundern, sondern erzeugt selbst künstliche Schönheiten etwa Gartenbau, künstliche Flüsse, ästhetische Architektur und alles, was hier einleitend erwähnt wurde. Übrigens hat das "Phänomen" der Ästhetisierung die menschliche Geschichte stets begleitet, seitdem es Menschen gibt, wie z.B. die Pfunde der Archäologie (etwa Schmuckstücke, "ästhetisierte" Wohnorte und Gegenstände, etc.) beweisen. In unserer Zeit verstärkt sich dieser Trend sehr, da wir technisch, finanziell und auch kulturbedingt mehr können als unsere (Ur)Vorfahren. Bis hier scheint doch, dass diese Entwicklung in Ordnung der Menschgeschichte gut passt. Was könnte aber dabei problematisch sein, dass der Mensch sich und seine Umgebung immer "schöner" durch mehr Ästhetisierungsverständnis und -möglichkeiten (um)gestaltet?
Schon Aristoteles hat in seiner Glücksphilosophie bei der "goldenen Mitte" Ansatz gefunden. Es ist nach ihm das "Übermaß" bei jeder Unternehmung das Problem. Indem die modernen Menschen ihre Welt "ästhetisieren" überschlagen sie in vielen Fällen das "Ausgewogene", das "Sinnvolle" um Längen. Und das liegt meistens daran, dass der Mensch immer mehr an Autonomie im Sinne Kants, also an bewusste und "verantwortliche" Selbstbestimmung verliert und eher immer mehr an Diktat der neuen "Marktgöttern" unterliegt, die eine Art "neue Religion" für die Menschen repräsentieren (wollen). Die Märkte setzen genau bei der "ambivalenten" Situation der Menschen, also bei deren "Unzulänglichkeiten" an, die wir vorhin anhand beispielhafter philosophischen Begriffe darzustellen versucht haben, um die vorhandenen "Bedürfnisse" mit Angeboten in Form von Waren oder Dienstleitungen zu stillen, aber auch - und das ist vor allem das Problematische -für die produzierte Wahre und Dienstleistungen "scheinbare Bedürfnisse" bei Menschen zu erzeugen. Dass viele junge Damen und Männer so aussehen "müssen" wie "Topmodels" oder "Weltstars" ist heute eine eindeutige Situation, die von verschiedenen Märkten (von Fashion, Mode, Haarstyling, Bodybuilding bis Schönheitschirurgie) einerseits "ausgenutzt", aber auch entschieden fokussiert, gefördert und womöglich sogar "erzeugt". Man kann sich weiterfragen, und was ist dabei problematisch? Die Nachteile einer solchen Situation sind unzählbar und deren "Konsequenzen" bzw. "Auswirkungen" auf andere Lebensbereiche der Menschheit kaum einschätzbar. Wenn die neuzeitliche Aufklärung über Jahrhunderte hinweg und die moderne Avantgarde danach versuchten, die Menschen zur Vernunft und Freiheit aufzufordern, zu "erziehen", damit sie autonom, selbstbestimmend, frei in einer Gesellschaft friedfertig und verantwortlich gegenübereinander und gegenüber ihrer (Um)Welt leben, versuchen die modernen Märkte nicht nur die natürlichen Lebensbedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern (bewusst oder unbewusst) dieses Aufklärungsprojekt zunichte zu machen und die Menschen zu einer neuen Art der "Sklaverei" zurück zu dringen, wo der Mensch nur noch funktioniert wie etwa Michel Foucault meint oder sich maschinell der Alltagsroutine widmet, wie es u.a. in Kafkas "Verwandlung" beschrieben ist. Anstelle der moralischen Orientierung und Selbstbestimmung tritt die Wahl eines "Lebensstils", eines gestylten Aussehens. Und auch diese Wahl ist nur selten autonom, denn eine Person "glaubt" nur etwas "auszuwählen", wobei sie aber meistens über "infernale Umwege" von Marktstrategen, durch direkte oder indirekte Werbung dazu "inspiriert", "manipuliert", "gezüchtet" und letztendlich "gezwungen" sei. Und dass die moderne Politik so gut wie keine Alternativprogramme hat (für was auch immer, Bildung, Kultus, Alternativwirtschaft, Marktpolitik, ...) als den Neokapitalisten und deren Interessen zu dienen und den Staat und die Bürger nur noch "verwaltet", stellt eine andere und bedeutende Dimension einer großen Problematik dar, von der die "ausweglose" und zum Teil wahnsinnige Ästhetisierung nur ein Aspekt ist.